Piemont

Das Piemont ist komischerweise irgendwie immer noch eine Art Geheimtipp für Touristen aus Deutschland. Unendliche Touristenströme erwarten einen hier nicht. Dafür gutes Essen und Trinken in Hülle und Fülle, ansehnliche Architektur in Turin und atemberaubend schöne Hügellandschaften in der Langhe. Wer ins Piemont reist hat wohl automatisch diese Erwartung: Es geht ums Genießen, Schlemmen, auch mal über die Strenge schlagen. Unser Plan war dementsprechend klar - wir fahren in dieses Mekka der Genüsse und gönnen uns, bis wir 5 Kilo schwerer und einen Monatslohn ärmer sind. Apropos arm: Geld oder Geschenke haben wir auf unserer Reise nicht erhalten!

Ausgangspunkt unserer Reise: Turin - wo der Alpen- auf den Mittelmeerraum trifft, lässt es sich hervorragend schlendern, Kaffee trinken und schlemmen
Ausgangspunkt unserer Reise: Turin - wo der Alpen- auf den Mittelmeerraum trifft, lässt es sich hervorragend schlendern, Kaffee trinken und schlemmen

Turin ist eine hervorragende Ausgangsbasis für so eine Reise. Hier kann man gut zwischen einem und drei Tage verbringen, ohne sich zu langweilen. Die Stadt erinnert ein bisschen an Frankreich, etwas an die Schweiz, ist aber am Ende doch ganz schön italienisch. Das merkt man spätestens, wenn am Abend tausende junge Menschen mit ihren Vespas zur Piazza Vittorio Veneto (auf dem Bild oben im Vordergrund ganz gut zu sehen) strömen und ein eindeutig mediterranes Stimmengewirr einsetzt. Tagsüber gibt man sich lässig. Allzu schicke Kleidung und auch die laute Geschäftigkeit weiter südlich gelegener Mittelmeermetropolen findet man hier nicht. Dafür eher freundliche Zurückhaltung gepaart mit einer großen Hilfsbereitschaft, wenn sie denn gefragt ist. Wein wird zwar getrunken, dominiert aber nicht alles. Neben belgischem- und Craft-Bier trinken die Turiner gerne einen gediegen in der Champagnerschale servierten Shakerato, einen mit Eis geshakten Espresso. Wer keinen großen Hotel-Service braucht, kann übrigens schön, zentral und günsitg in den Piazza Vittorio Suites an oben genanntem Platz unterkommen. Hier empfiehlt sich auch ein Besuch der Drogheria, einer Cocktailbar auf der gegenüberliegenden Südwestseite des Platzes. Eigentlich kamen wir hierher, um die Zeit zum Abendessen zu überbücken. Die Cocktails haben wir gar nicht probiert aber die Weinkarte und die kulinarischen Kleinigkeiten - insbesondere ein Timorasso und eine konfierte Entenbrust mit Pak Choi hatten es uns angetan -  haben uns überrascht. Versüßt wurde das ganze noch durch einen erfrischend lockeren und netten Service. 

Petto di anatra confit und Sushi di carne in der Drogheria an der Piazza Vittorio Veneto
Petto di anatra confit und Sushi di carne in der Drogheria an der Piazza Vittorio Veneto

Ebenfalls empfehlenswert: Vinolento cantina e cuccina. Es dauert zwar alles eine Weile aber der junge Wirt war unglaublich freundlich und hilfsbereit und nahm sich Zeit, uns seine überwältigende Weinauswahl zu zeigen. Vor allem Freund*innen von Naturweinen kommen hier auf ihre Kosten. Und wären wir nicht extra ins Piemont gefahren um die hiesigen Weine zu probieren, hätte es auch ein Riesling von der Mosel oder ein burgenländischer Blaufränkisch sein können. In Erinnerung geblieben sind uns neben der Weinkarte hervorragende, mit Fleisch gefüllte Agnolotti in Kräuterbutter und vor allem ein wirklich köstlich-saftig und außen röstig zubereitetes Stück vom Maialino, also Ferkel. Außerdem hatten wir hier das beste Vitello tonnato unserer Reise. Davon gibts leider kein Photo, da war der Hunger wohl zu groß. 

Der Abschluss unseres Aufenthalts in Turin war vielleicht das kulinarische Highlight unserer Reise: Das Gaudenzio. Die Empfehlung des Hauses ist, sich einfach ein paar von der Küche ausgesuchte Gänge bringen und dazu insgesamt drei Weine reichen zu lassen. Wenn man etwas absolut nicht oder unbedingt möchte, darf man das der Küche auch mitteilen. Wir bekamen jeweils verschiedene Gerichte gereicht und das Schöne war, dass gefühlt mit jedem Gang noch eine Schippe draufgelegt wurde. Hätten wir auf den Gruß aus der Küche noch gut verzichten können, war die geräucherte Auster schon aufregender (wenngleich der Gedanke aufkam, dass eine rohe Auster doch noch mehr zu bieten hat). Ich kann mich nicht mehr an jede Einzelheit erinnern, eine Liste in meinem Handy fördert jedoch folgendes zutage: "Fischtatar mit Paprika (super intensive Paprika!); mega freshes, irgendwie japanisch gewürztes Gemüse und Aprikose mit Muscheln; rohes Pferd mit Musik und Paprika; mit ganz saftigem Schwein gefüllte Pasta mit irgendwelchen unidentifizierbaren Meeresfrüchten (die Kellnerin meinte was von "sea-almonds") und Dill; wahnsinnig röstige und saftige Rinderrippen (so'n argentinischer Cut); Panna cotta mit salzigem Nusscrumble und Olivenöl; Café napoletano". Damit ist wohl zum Essen genug gesagt, vor allem war es einfach on point gegart und gewürzt. Die Weinbegleitung war alles andere als Mainstream, eher in Richtung Naturwein und hat hervorragend zum Abend gepasst. Der Kaffee hinten raus in der neapolitanischen Kanne war ein nettes Gadget, wobei ein gut gebrühter Espresso aus meiner Sicht geschmacklich noch ein bisschen mehr kann. 

Geschmackliche Highlighits im Gaudenzio: Gefüllte Pasta mit Meeresgetier und Rinderrippe auf Blaukraut-Mousse. Zum Abschluss gab's caffè napoletano.
Geschmackliche Highlighits im Gaudenzio: Gefüllte Pasta mit Meeresgetier und Rinderrippe auf Blaukraut-Mousse. Zum Abschluss gab's caffè napoletano.

Wir könnten stundenlang so weitermachen und Restaurants empfehlen oder auch kritisch bewerten. Ich versuche, mich halbwegs kurz zu fassen: Definitiv interessant ist die Bottega local in Bra - eine Art Slowfood-Lebensmittelladen mit hochwertiger Hausmannskost. Hier hatten wir wohl mit die besten Tajarin . Das sind dünne piemonteser Eiernudeln, typischerweise serviert mit Ragù, in diesem Fall aus Kaninchen.

Tajarin al ragù di coniglio in der Bottega Local in Bra
Tajarin al ragù di coniglio in der Bottega Local in Bra

Gefühlt haben wir in jedem Restaurant im Piemont einmal Tajarin gegessen und leider waren sie für unseren Geschmack meistens etwas weichgekocht. So zum Beispiel im viel gelobten und häufig empfohlenen More e Macine in La MorraAuch der offene Barbaresco war hier eher so mittel. In Erinnerung geblieben sind hingegen die Agnolotti in Lavendelbutter. Die Käseauswahl und die geschlossenen Weine sahen ebenfalls verlockend aus. Der Ort selbst ist auf jeden Fall eine Reise wert, alleine die Fahrt dorthin ist atemberaubend!

Käsetheke im More e Macine, La Morra
Käsetheke im More e Macine, La Morra
Typische Langhe-Aussicht auf Barolo-Reben in La Morra
Typische Langhe-Aussicht auf Barolo-Reben in La Morra

Ebenfalls wärmstens empfohlen wurde uns das Tastè, das traumhaft auf dem Hügel von Barbaresco gelegen ist. Wenn man dieses Restaurant betritt könnte man meinen, deutlich höherpreisig unterwegs zu sein, zumal der Service ebenfalls ausgezeichnet ist. Das Menü mit Antipasti, Primo und Secondo ist mit 34 Euro jedoch erstaunlich günstig. Die eigentlich atemberaubende Aussicht vom Sitzplatz im Garten wird einem durch die Reben des angrenzenden Weinguts genommen - es ist ja quasi für einen guten Zweck. Das Essen selbst konnte den zugegebenermaßen sehr hohen Erwartungen leider nicht ganz gerecht werden. Die Qualität der Zutaten war zweifellos gut, ein Groß´teil des Gemüses stammt sogar aus dem eigenen Garten. In der Zusammenstellung und Zubereitung der Speisen fehlte jedoch das letzte Körnchen Rafinesse und auch ein bisschen geschmackliche Power. Atemberaubend hingegen: die Weinkarte mit gefühlt 15 Seiten alleine für Barbaresco.

Natürlich haben wir nicht nur gegessen, sondern auch Weingüter besucht: Den aufstrebenden Marco Vacca von der Cascina Albano, das junge und bemerkenswerte Qualitäten erzeugende Weingut der Tibaldi-Schwestern im Roero und den auf eine Mischung aus Tradition und Biodynamie setzenden Enrico Rivetto.