rote Rebsorten

Grundsätzliches über den Unterschied zwischen reinsortigen Weinen und Cuvées zu postulieren - es gibt leichtere Aufgaben. Vielleicht kann man sich dem Thema über eine Analogie aus der Küche nähern. Nehmen wir als Beispiel die Pasta bei einem guten Italiener. Auf der Karte finden wir Gerichte, die aus vielen Zutaten bestehen, wie Spaghetti alla puttanesca: Olivenöl, Knoblauch, Sardellen, Tomaten, Oliven, Kapern, Peperoncini und Petersilie verbinden sich zu einer umfassenden Komposition aus salzigen, scharfen, sauren, würzigen, fruchtigen und umami Elementen. Das ist vollmundig, befriedigend, wenn's gut gemacht ist harmonisch und einfach lecker. Kleiner funfact am Rande: der Name puttanesca ("nach Art der Huren") soll darauf zurückgehen, dass italienische Sexarbeiterinnen sich dieses einfache und schnelle Gericht gerne in den Pausen zwischen ihren Freiern zubereiteten. Zurück zu unserer kleinen Analogie: Andere Pastagerichte konzentrieren sich in der Aromatik auf eine oder zwei Zutaten, zum Beispiel Butter mit Salbei oder Trüffel oder schmackhafte Venusmuscheln. Manchmal reicht ein gutes Olivenöl und etwas Parmesan. Um diese Zutaten wäre es, vorausgesetzt, sie sind von guter Qualität, regelrecht schade, sie in einem undefinierbarem Sud aus vielen Zutaten untergehen zu lassen. Das ist nicht per se ein besseres oder schlechteres, aber ein anderes Erlebnis. 

Vielleicht ist das mit den Cuvées und den reinsortigen Weinen ja irgendwie ähnlich: In der Assemblage hat die Weinproduzentin die Möglichkeit, Komplexität und Harmonie durch optimales Mischen verschiedener Anteile zu erzielen. Der reinsortige Wein erfordert hingegen die Fähigkeit, aus einer Rebe mit in sich begrenzten Möglichkeiten das Optimum herauszuholen. Gelingt das, hat man dafür vielleicht etwas besonderes, sehr eigenständiges. Vermutlich ist es, wie beim Essen, auch beim Wein so: Je weniger Zutaten und Stellschrauben ich habe, desto besser muss die Qualität sein. Der reinsortige Wein erlaubt weniger Kaschieren und Tricksereien. Die Qualität muss stimmen, dann ist ein reinsortiger Spätburgunder, Syrah oder Lemberger ein herausragendes Erlebnis mit ganz eigenständiger Charakteristik. 

Ein Beispiel, wie so etwas gelingen kann ist der Spätburgunder ist der Burgweg Spätburgunder von Mario Zelt. Das Weingut Zelt ist ein treuer Teilnehmer unserer Verkostungen geworden und verblüfft jedes Mal aufs neue mit Weinen, die über bloße Solidität hinausgehen. Die Rebsorte ist ja oft nicht jedermanns Sache und vor allem Frischlingen in der Weinwelt nicht ganz einfach zu vermitteln.  Spätburgunder kann für geübte Weintrinkerinnen unglaublich faszinierend und tief sein - der Anfänger findet ihn häufig dünn und spitz. Mario Zelt schafft es mit dem Burgweg, die Aromatik der Rebsorte sehr schön darzustellen und dem Wein trotzdem etwas (keineswegs zu viel!) Fülle und verständliche Frucht mitzugeben, so dass hier etwas entstanden ist, das sowohl eingefleischtere Spätburgunder-Fortgeschrittene als auch Weinanfänger genießen können.

Zelt - Großkarlbacher Burgweg Spätburgunder 2016 Spätburgunder Pfalz 20,00 € 9.2
Klopfer - Canstatter Zuckerle Mauerpfeffer 2016 VB Cal. 1-22 Württemberg 19,00 € 9.1
Galler - Kunigunde 2015 Satin Noir Pfalz 14,90 € 9.1
Alois Metz - Cabaret Noir Spätlese trocken 2018 Cabaret Noir Pfalz 10,50 € 9.0
Klopfer - Lemberger Gutswein 2018 Lemberger/Blaufränkisch Württemberg 7,10 € 8.9
Abthof - Auftakt Monarch 2016 Monarch Rheinhessen 9,00 € 8.9
Clauer - Heidelberger Dormenacker Merlot trocken 2017 Merlot Baden 10,70 € 8.8
WG Rohracker - Terrasse 16 (lieblich) Trollinger Württemberg 5,40 € 8.8
Hanno Rothweiler - Auerbacher Fürstenlager Syrah 2017 Syrah Hessische Bergstraße 10,90 € 8.7
Bio Weingut Lehner - Acht Achterl Zweigelt 2017 Zweigelt/Rotburger Burgenland (A) 5,50 € (L) 8.7
Hanno Rothweiler - Auerbacher Fürstenlager Primitivo 2017 Primitivo/Zinfandel Hessische Bergstraße 11,20 € 8.5
Alois Metz - Cabaret Noir Spätlese trocken 2017 Cabaret Noir Pfalz 9,50 €  8.5
Hensel - Aufwind Spätburgunder 2016 Spätburgunder Pfalz  9,90 € 8.5
Burggarten - Heimersheimer Spätburgunder VDP.Ortswein 2017 Spätburgunder Ahr  20,00 € 8.5
Diefenhardt - Martinsthaler Wildsau Pinot Noir VDP.Erste Lage 2017 Spätburgunder Rheingau 13,80 €  8.4

Auch das Weingut Klopfer war jetzt schon ein paar Mal dabei - meistens recht weit oben im Tableau. So auch dieses Mal. Der Mauerpfeffer ist der bestplatzierte Piwi-Wein der gesamten Verkostung. Die Rebsorte hört auf den wohlklingenden Namen VB Cal. 1-22. Sie soll mit der italienischen Sangiovese verwandt sein, der Wein ist allerdings deutlich dunkler - nicht nur optisch, sondern auch in der Beerenaromatik. 

Satin Noir ist (wie VB Cal. 1-22) eine der zahlreichen Piwis von Valentin Blattner aus dem schweizer Jura. Es handelt sich um eine Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und einigen Resistenzpartnern, also zuvor gezüchteten Nachkommen amerikanischer und asiatischer Wildreben. Die Rebsorte soll stilistisch in die Richtung reifer Cabernet Franc gehen. Das Weingut Galler gehört zu den Experten in Sachen Piwis und vermarktet die Weine selbstbewusst. Die Kunigunde ist ein dunkler, dichter Rotwein, der außer der typischen Cassis-Cabernet-Aromatik auch kräutrige Nuancen zu bieten hat. 

Eine kleine bis mittlere Sensation ist Garagenwinzer Alois Metz. Der frühere Direktor einer Volks- und Raiffeisenbank bewirtschaftet einen Weinberg mit 25 Ar in Herxheim an der Weinstraße. Dort pflanzt er unter anderem den roten Cabaret Noir. Der Wein erscheint mit zwei Jahrgängen in dieser Bestenliste, wobei der 18er mit seiner vollmundigen, fruchtigen Art besonders zu überzeugen weiß. Aromatisch ist das volle Pulle Cassis, mit etwas Brombeere und Kakao. 

Beim Terrasse 16 der WG Rohracker handelt es sich um einen lieblichen, süffig-fruchtigen, gekühlt zu trinkenden Sommerwein. Ein weiterer Beweis, dass gut gemachte Weine, die Spaß machen, nicht teuer sein müssen und es wirklich keinen vernünftigen Grund gibt, Marken- oder Discounterweine zu kaufen! Wem eine Flasche Wein keine 5 Euro wert ist, sollte konsequenterweise auch Adelskrone aus der Plastikflasche trinken.

Am Ende unserer Bestenliste stehen drei Spätburgunder. Auch diese Weine kamen gut an und wurden gut bewertet. Nichtsdestotrotz mag man sich vielleicht fragen, warum diese teureren und wohlklingenden Weine renommierter Weingüter nicht weiter oben stehen. Nun, das hat sicherlich mit dem oben schon angedeuteten erhöhten "Schwierigkeitsgrad" des Spätburgunders zu tun. Häufig schmeckt einem die Sorte erst, wenn man schon ein paar Jahre Übung mit dem Weintrinken hat und auf feinere Nuancen aus ist. Die Struktur der Weine ist oft schlank und säurebetont, die Aromen subtil - für ungeübtere Zungen bedeutet das dann gerne mal "dünn und sauer". Alle drei Weine sind aber - das steht außer Frage - hochwertige und wirklich gute Spätburgunder! Wer sich mal an die Rebsorte rantasten möchte, dem empfehle ich, diese vier Weine zu kaufen und sie an einem Abend mit Freunden zu trinken. Sobald sich euer Gaumen auf die Struktur der Weine eingestellt hat, werdet ihr anfangen, die feinen und - ich sag's wie's ist - betörenden Aromen und Feinheiten des Spätburgunders wahrzunehmen.